Die Orte des Wiener Kreises
Wien und die Wissenschaftliche Weltauffassung
Von 1924 bis 1936 traf sich ein Diskussionszirkel um den Physiker und Philosophen Moritz Schlick regelmäßig in einem kleinen Raum des Mathematischen Seminars der Universität Wien. Trotz unterschiedlicher philosophischer Positionen existierte im Wiener Kreis ein gemeinsames Bekenntnis zu einer klaren und exakten Wissenschaftssprache sowie zu einer sprachkritischen Einstellung unter Verwendung symbolischer Logik. Erfahrung und formale Logik sollten die vorherrschende metaphysische Philosophie (z.B. von Martin Heidegger, Othmar Spann, Oswald Spengler) überwinden.
Mit der Programmschrift Wissenschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis trat der Schlick-Zirkel im Jahr 1929 zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Herausgeber dieses Manifests war der Verein Ernst Mach, durch den die Ideen des Logischen Empirismus einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.
Der Wiener Kreis konnte sich in dieser Form nur im Wien der Ersten Republik entwickeln, in einem produktiven Spannungsverhältnis zwischen Universität und Stadt mit Bildungsarbeit geprägt von Austromarxismus und
Liberalismus. Der Austrofaschismus bedeutete einen großen ersten Bruch, mit dem ‚Anschluss‘ wurde der Wiener Kreis fast vollständig – ohne Rückkehr – aus Wien vertrieben.
Die Orte
Die reaktionären und antisemitischen Strömungen machten die Universität für den Wiener Kreis von Beginn an zu einem prekären Ort, bis Moritz Schlick 1936 dort ermordet wurde. Vereine, Kaffeehäuser und Wohnungen wurden zu wichtigen Treffpunkten, die Orte des Roten Wien zu Wirkungsstätten.
9., Boltzmanngasse 5
9., Boltzmanngasse 5
Mathematisches und Philosophisches Institut der Universität Wien
Lehrtätigkeit
Schlick-Zirkel
Hauptgebäude der Universität Wien
1., Universitätsring 1
Hauptgebäude der Universität Wien
Philosophisches Dekanat
Philosophenstiege
Vorlesungen
Ermordung Moritz Schlicks
Rathaus – Volkshalle
1., Rathausplatz 1
Rathaus – Volkshalle
Dauerausstellung Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseum
1., Wipplingerstraße 8
1., Wipplingerstraße 8
Altes Rathaus
Sitz des Vereins Ernst Mach
1., Reichsratstraße 17/ Ecke Universitätsstraße
1., Reichsratstraße 17/ Ecke Universitätsstraße
Café Arkaden
1., Rathausplatz 4
1., Rathausplatz 4
Café Colonnaden
8., Florianigasse 55
8., Florianigasse 55
Café Hamerling
9., Währinger Straße 33-35
9., Währinger Straße 33-35
Café Josephinum
16., Ludo-Hartmann-Platz
16., Ludo-Hartmann-Platz
Volksheim Ottakring
Vorträge und Kurse
1., Rathausplatz 7-9
1., Rathausplatz 7-9
Café Reichsrat
1., Herrengasse 14
1., Herrengasse 14
Café Central
1., Herrengasse 10
1., Herrengasse 10
Café Herrenhof
1., Schreyvogelgasse 5 / Ecke Ring
1., Schreyvogelgasse 5 /
Ecke Ring
Künstler Café
1., Ebendorferstraße 7
1., Ebendorferstraße 7
Kammer für Arbeiter und
Angestellte in Wien
Vorträge des Vereins Ernst Mach
8., Buchfeldgasse 6
8., Buchfeldgasse 6
Atelier Trude Waehner
1., Tuchlauben 2
1., Tuchlauben 2
Gebäude der Wiener
Städtischen Versicherung
Zeitschau des Gesellschafts- und
Wirtschaftsmuseums
1., Ring-des-12.-November 10 (Universitätsring)
1., Ring-des-12.-November 10
(Universitätsring)
Café Schottentor
1., Renngasse 4
1., Renngasse 4
Palais Batthány-Schönborn
Erstes Treffen von Schlick mit Wittgenstein
1., Grünangergasse 10
1., Grünangergasse 10
Zum grünen Anker
Treffpunkt Mises-Seminar,
Geistkreis um Hayek
1., Uraniasstraße 1
1., Uraniasstraße 1
Urania
Vorträge und Kurse
1., Schottengasse 4
1., Schottengasse 4
Verlag Julius Springer
Verleger des Wiener Kreises
1., Seilerstätte 1
1., Seilerstätte 1
Artur Wolf Verlag
Verleger des Vereins
Ernst Mach
1., Parkring 12
1., Parkring 12
Gebäude der
Gartenbaugesellschaft
Dauerausstellung Gesellschafts- und
Wirtschaftsmuseum
1., Operngasse 7
1., Operngasse 7
Café Museum
3., Kundmanngasse 22
3., Kundmanngasse 22
Volkshochschule Landstraße
Vorträge und Kurse
4., Prinz-Eugen-Straße 68/Mezz./4
4., Prinz-Eugen-Straße
68/Mezz./4
Wohnung von Moritz
und Blanche Schlick
Liberaler, internationaler Salon
11., Gottschalkgasse 21
11., Gottschalkgasse 21
Volkshochschule Simmering
Vorträge und Kurse
5., Schloßgasse 1
5., Schloßgasse 1
Wohnung Otto Neurath
und Olga Hahn-Neurath
Häufige Treffen
5., Stöbergasse 11-15
5., Stöbergasse 11-15
Volksbildungsverein
Margareten
Vorträge und Kurse
12., Gaudenzdorfer Gürtel 15/17/3/11
12., Gaudenzdorfer Gürtel 15/17/3/11
Wohnung von Otto Neurath
und Olga Hahn-Neurath
Häufige Treffen
15., Ullmannstraße 44
15., Ullmannstraße 44
Gebäude der
Zentralsparkasse
Büroräume des Gesellschafts- und
Wirtschaftsmuseum
12., Grünbergstraße 25/2/8
12., Grünbergstraße 25/2/8
Wohnung von Heinrich Gomperz
Gomperz-Kreis
7., Burggasse 14-16
7., Burggasse 14-16
Pädagogisches Institut der Stadt Wien (ab 1925)
Lehrtätigkeit und Vorträge
1., Rathauspark
1., Rathauspark
Denkmäler Ernst Mach und
Josef Popper-Lynkeus
1., Karl-Renner-Ring 11
1., Karl-Renner-Ring 11
Palais Epstein
Stadtschulrat
Pädagogisches Institut der Stadt Wien
Psychologisches Institut der Universität Wien (bis 1934)
Lehrtätigkeit und Vorträge
9., Thurngasse 2
9., Thurngasse 2
Café Akazienhof
1., Liebiggassse 5
1., Liebiggassse 5
Philosophisches und
Psychologisches
(ab 1934) Institut der
Universität Wien
9., Alserbachstraße 11
9., Alserbachstraße 11
Café Thurn
18., Währinger Straße 71
18., Währinger Straße 71
Wohnung von Edgar Zilsel
Gomperz-Kreis, Zilse-Kreis
2., Zirkusgasse 48
2., Zirkusgasse 48
Volkshochschule
Leopoldstadt
Vorträge und Kurse
20., Stromstraße 78
20., Stromstraße 78
Volkshochschule
Brigittenau
Vorträge und Kurse
19., Döblinger Hauptstraße 90
19., Döblinger Hauptstraße 90
Wohnung von Felix Kaufmann
Wiener Kreis und liberale Zirkel
19., Grinzinger Straße 70
19., Grinzinger Straße 70
Haus von Felix Ehrenhaft
Salon mit Gästen aus Wissenschaft und Kunst
19., Weimarerstraße 100
19., Weimarerstraße 100
Wohnung von Karl und Charlotte Bühler
Salon mit enger Verbindung zum Wiener Kreis
18., Eckpergasse 39
18., Eckpergasse 39
Wohnung von Olga Taußky (Taussky-Todd)
Private Treffen u.a. mit Kurt Gödel
Quelle: G. Freytag & Berndt‘s Verkehrsplan von Wien, Wien, G. Freytag & Berndt [1928] WBR, k-185508
Die Personen
Der Wiener Kreis vereinte unter der Leitung des Philosophen Moritz Schlick ab 1924 eine vielfältige Gruppe von Wissenschaftler:innen: Mathematiker wie Hans Hahn und Karl Menger, Physiker wie Philipp Frank, den Sozialwissenschaftler Otto Neurath sowie Philosophen wie Rudolf Carnap und Friedrich Waismann. Zu den assoziierten Mitgliedern zählten Kurt Gödel und Karl Popper. Viele stammten aus jüdischen Familien und waren politisch links orientiert. Die Diskussionen fanden in universitären Räumen, Wiener Kaffeehäusern und privaten Wohnungen statt – Orte, die den lebendigen intellektuellen Austausch dieser Denkgemeinschaft prägten.
Gustav Bergmann
Rudolf Carnap
Herbert Feigl
Philipp Frank
Kurt Gödel
Hans Hahn
Olga Hahn-Neurath
Béla Juhos
Felix Kaufmann
Viktor Kraft
Karl Menger
Richard (von) Mises
Otto Neurath
Rose Rand
Josef Schächter
Moritz Schlick
Olga Taussky-Todd
Friedrich Waismann
Edgar Zilsel
Die Vertreibung
Exil und Diaspora
Rudolf Carnap auf einem Schiff
Foto: unbekannt
Rudolf Carnap Papers, 1905-1970, ASP.1974.01, Archives of Scientific Philosophy, Archives & Special Collections,
University of Pittsburgh Library System
Postskript – Renaissance des Wiener Kreises
1991 wurde von Friedrich Stadler mithilfe zahlreicher Kolleg:innen das Institut Wiener Kreis als „Verein zur Förderung wissenschaftlicher Weltauffassung“ gegründet. Dessen Übernahme durch die Universität Wien im Jahr 2011 markierte eine symbolträchtige Rückkehr. Gleichzeitig arbeitet die Wiener Kreis Gesellschaft als Verein in guter Kooperation mit dem universitären Institut weiter.
Anlässlich des 650-Jahr-Jubiläums der Universität Wien im Jahre 2015 wurde im Hauptgebäude am Ring die Ausstellung „Der Wiener Keis. Exaktes Denken am Rand des Untergangs“ gezeigt, die anschließend unter großem Interesse durch Europa wanderte. Die Originaltafeln dieser Ausstellung wurden der Wienbibliothek im Rathaus als Dauerleihgabe übergeben.
Mit drei laufenden Buchreihen, weiteren Editionsprojekten, einer Forschungsbibliothek mit Archiv sowie mit jährlichen Vorträgen und Konferenzen gilt die Wiener Kreis Gesellschaft international als erste Adresse für die Geschichte und Theorie des Wiener Kreises . Damit wird eine gewaltsam unterbrochene Erfolgsgeschichte durch eine Wiener Institution im globalen Kontext nach langer Verzögerung fortgesetzt.