Kaffeehaus

verschiedene Menschen sitzen in einem Cafehaus, lesen Zeitung, unterhalten sich
Café Central, 1935
Foto: Lothar Rübelt
ÖNB, 002_35_013_01_011_E_1A_00b

Viele Treffen und Diskussionen von Mitgliedern des Wiener Kreises fanden in Kaffeehäusern statt. Die Notizen und Korrespondenzen der Teilnehmenden zeigen, dass vor allem Cafés in der Nähe der Universität frequentiert wurden – nach Lehrveranstaltungen, Vorträgen, den Treffen des Schlick-Zirkels oder ohne besonderen Anlass. Die Kaffeehäuser waren Foren, in denen untereinander und mit Gästen aus vielen Ländern diskutiert wurde, Orte, an denen spontane Wissensgenerierung stattfand. Die offene Atmosphäre ermöglichte auch zufällige Begegnungen, sie waren soziale Netzwerke in einer vordigitalen Zeit. Somit wurde das Café zu einem Ort der persönlichen Begegnung und der wissenschaftlichen Kommunikation im öffentlichen Raum, was die Dynamik der (konzentrischen) Kreise verstärkte. Der Begriff „Kaffeehausphilosophie“ wird der Bedeutung dieses Ortes für den Wiener Kreis gerecht.

Café Josephinum, 9., Währinger Straße 33–35 / Ecke Sensengasse
Wegen seiner Nähe zur Boltzmanngasse war dieses Café mit Jugendstil-Interieur der häufigste Treffpunkt nach den Sitzungen des Schlick-Zirkels. Kurt Gödel wohnte von 1927 bis 1928 im gleichen Haus.

Foto: Michael Frankenstein & Comp.
Wien Museum, Inv.-Nr. 78079/114

Arkaden-Café, Außenaufnahme mit Blick zum Rathaus, 1., Reichsratstraße 17 / Ecke Universitätsstraße, 1905
Schlick, Carnap und andere Mitglieder des Wiener Kreises frequentierten das direkt hinter dem Hauptgebäude der Universität gelegene Arkaden-Café oft nach Vorlesungen und trafen sich hier mit Gästen aus dem In- und Ausland. In den Carnap-Tagebüchern ist es das mit Abstand am häufigsten genannte Kaffeehaus.

Foto: Ludwig Grillich
Wien Museum, Inv.-Nr. 32511/51

Tagebücher von Rudolf Carnap, 1908-1970
Rudolf Carnap führte über mehr als fünf Jahrzehnte Tagebuch. Daraus lassen sich Orte, Zeitpunkte, Personen und Gesprächsinhalte seiner Treffen erschließen. Sie illustrieren die hohe Bedeutung des Kaffeehauses als Ort des intellektuellen Austausches, zeigen aber auch die prekäre Situation vieler Mitglieder des Wiener Kreises.
Zur digitalen Edition der Tagebücher

Foto: unbekannt
Rudolf Carnap Papers, 1905-1970, ASP.1974.01, Archives of Scientific Philosophy, Archives & Special Collections, University of Pittsburgh Library System
Digitale Edition der Tagebücher Carnaps: https://valep.vc.univie.ac.at/valepPlus/project/62

Café Reichsrat – Innenansicht, 1., Rathausplatz 7–9 / Ecke Stadiongasse, um 1880
Im Café Reichsrat – einem häufigen Treffpunkt – erfuhren Carnap und Feigl am  26. August 1930 wahrscheinlich als erste von der wichtigsten logisch-mathematischen Erkenntnis des 20. Jahrhunderts: Gödels Unvollständigkeitssatz.

Foto: Michael Frankenstein & Comp.
Wien Museum, Inv.-Nr. 78079/114

Künstler-Café, 1., Schreyvogelgasse 5 /  Ecke Ring, 1910
In diesem Kaffeehaus am Ring gegenüber der Universität sind unter anderem Treffen von Kurt Gödel und Rose Rand verbürgt. Felix Kaufmann trug hier seine philosophischen Wiener Lieder vor.

Foto: Reiffenstein
Archiv Lunzer / brandstaetter images / picturedesk.com

Seite aus den „Protokollen“ Kurt Gödels mit Notizen zu einem Treffen mit Rose Rand, 5.1.1938
Kurt Gödel hat in der Gabelsberger-Kurzschrift tausende Seiten an Notizen verfasst. Die  „Protokolle“ aus den Jahren 1937 und 1938  dokumentieren mehrere Treffen mit Rose Rand, Olga Taussky sowie weiteren Mitgliedern des Wiener Kreises und Mathematikern wie Abraham Wald oder John von Neumann.

Kurt Gödel Papers, the Shelby White and Leon Levy Archives Center, Institute for Advanced Study, Princeton

Ausschnitt von Rose Rands Aufsatz, „Logik der Forderungssätze“, mit Widmung an Susanne K. Langer
Dieser Aufsatz von Rose Rand zur Normenlogik wurde in der von Hans Kelsen im Exil herausgegebenen Zeitschrift publiziert. Rand widmete ein Exemplar der Philosophin Susanne K. Langer, die mit ihrer Symbolphilosophie und Kunsttheorie unter dem Einfluss von Ernst Cassirer bekannt wurde.

Aus: Internationale Zeitschrift für Theorie des Rechts, Neue Folge 1, 1939, S. 308–322
Wiener Kreis Gesellschaft

Kurt Gödel, „Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme I“
Die Erstveröffentlichung von Gödels später als Habilitation eingereichter Arbeit: Er zeigte, dass es in jedem hinreichend starken wider-spruchsfreien System Sätze gibt, die wahr, aber nicht beweisbar sind. Damit revolutionierte er die Mathematik und schuf wichtige Grundlagen für die Informationstechnologie bis hin zur Künstlichen Intelligenz.

Aus: Monatshefte für Mathematik und Physik 38 (1931), S. 173–198
Copyright: Springer Verlag

Die Zitate sind entnommen aus:

  • Rudolf Carnap, Tagebücher, Band 1–2, hrsg. von Christian Damböck unter Mitarbeit von Brigitta Arden, Roman Jordan, Brigitte Parakenings und Lois M. Rendl, Hamburg, Meiner 2022
  • Tim Lethen, Gespräche, Vorträge, Séancen: Kurt Gödels Wiener Protokolle 1937/38, Transkriptionen und Kommentare, Cham, Springer 2021
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