Kaffeehaus
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Viele Treffen und Diskussionen von Mitgliedern des Wiener Kreises fanden in Kaffeehäusern statt. Die Notizen und Korrespondenzen der Teilnehmenden zeigen, dass vor allem Cafés in der Nähe der Universität frequentiert wurden – nach Lehrveranstaltungen, Vorträgen, den Treffen des Schlick-Zirkels oder ohne besonderen Anlass. Die Kaffeehäuser waren Foren, in denen untereinander und mit Gästen aus vielen Ländern diskutiert wurde, Orte, an denen spontane Wissensgenerierung stattfand. Die offene Atmosphäre ermöglichte auch zufällige Begegnungen, sie waren soziale Netzwerke in einer vordigitalen Zeit. Somit wurde das Café zu einem Ort der persönlichen Begegnung und der wissenschaftlichen Kommunikation im öffentlichen Raum, was die Dynamik der (konzentrischen) Kreise verstärkte. Der Begriff „Kaffeehausphilosophie“ wird der Bedeutung dieses Ortes für den Wiener Kreis gerecht.
Das Kaffeehaus ist der Klub für jedermann.
Otto Neurath
Café Josephinum, 9., Währinger Straße 33–35 / Ecke Sensengasse
Wegen seiner Nähe zur Boltzmanngasse war dieses Café mit Jugendstil-Interieur der häufigste Treffpunkt nach den Sitzungen des Schlick-Zirkels. Kurt Gödel wohnte von 1927 bis 1928 im gleichen Haus.
Wien Museum, Inv.-Nr. 78079/114
6–7 Boltzmanngasse Vorstandssitzung Machverein. Nachher Josephinum mit Schlick.
Carnap-Tagebuch, 20.6.1930
Arkaden-Café, Außenaufnahme mit Blick zum Rathaus, 1., Reichsratstraße 17 / Ecke Universitätsstraße, 1905
Schlick, Carnap und andere Mitglieder des Wiener Kreises frequentierten das direkt hinter dem Hauptgebäude der Universität gelegene Arkaden-Café oft nach Vorlesungen und trafen sich hier mit Gästen aus dem In- und Ausland. In den Carnap-Tagebüchern ist es das mit Abstand am häufigsten genannte Kaffeehaus.
Wien Museum, Inv.-Nr. 32511/51
Am Ende des zweiten Semesters saß ich im Café ‚Arkaden‘, nebenan saßen einige Kollegen, nämlich Feigl, Natkin und Carnap, der gerade nach Wien gekommen war. Wir sprachen von Zukunftsplänen, und ich sagte, ‚ich möchte jetzt gerne im nächsten Semester nach Freiburg zu Husserl gehen.‘ Natkin begann zu lachen und sagte: ‚Es gibt also jetzt noch Menschen, die nach Freiburg gehen, und aus der ganzen Welt strömen die Menschen nach Wien, dem neuen Mekka der Philosophie.‘
Heinrich Neider, im Gespräch mit Rudolf Haller
Tagebücher von Rudolf Carnap, 1908-1970
Rudolf Carnap führte über mehr als fünf Jahrzehnte Tagebuch. Daraus lassen sich Orte, Zeitpunkte, Personen und Gesprächsinhalte seiner Treffen erschließen. Sie illustrieren die hohe Bedeutung des Kaffeehauses als Ort des intellektuellen Austausches, zeigen aber auch die prekäre Situation vieler Mitglieder des Wiener Kreises.
Zur digitalen Edition der Tagebücher
Rudolf Carnap Papers, 1905-1970, ASP.1974.01, Archives of Scientific Philosophy, Archives & Special Collections, University of Pittsburgh Library System
Digitale Edition der Tagebücher Carnaps: https://valep.vc.univie.ac.at/valepPlus/project/62
½ 11 Café Arkaden, Kraft bis 12. | Über Popper; Kraft sagt, er habe in Vorlesungen und in seinem Buch schon Deduktivismus vertreten, er sei jetzt im Großen einig mit Popper und Hahn. Über Wittgenstein. Schlick habe Bedenken gegen Semantik V geäußert.
Carnap-Tagebuch, 14.12.1932
Gespräch mit Waismann, 4./IX. 37, 7–10 abends Café Arkade […] Hofft mit seinem Buch in 6 Wochen fertig zu sein. Dieses soll 300 p. haben. Möchte mir noch einige Kapitel zu lesen geben, insbesondere über Hypothesen.
Gödel-Protokolle, 4.9.1937
Café Reichsrat – Innenansicht, 1., Rathausplatz 7–9 / Ecke Stadiongasse, um 1880
Im Café Reichsrat – einem häufigen Treffpunkt – erfuhren Carnap und Feigl am 26. August 1930 wahrscheinlich als erste von der wichtigsten logisch-mathematischen Erkenntnis des 20. Jahrhunderts: Gödels Unvollständigkeitssatz.
Wien Museum, Inv.-Nr. 78079/114
Di 26 […] 6–½ 9 Café Reichsrat mit Feigl, Gödel, dann Waismann. Reiseplan mit Schiff nach Königsberg. Gödels Entdeckungen: Unvollständigkeit des Systems der PM; Schwierigkeit des Widerspruchsfreiheitsbeweises.
Carnap-Tagebuch, 26.8.1930
Sie [Rose Rand] findet, das sei ein besonders scheußliches Café (sowohl Leute als auch Aussehen) […]. Ihre Arbeit über Real.-Probl. wurde von Bühler schließlich doch angenommen und wird erscheinen. Es sind bisher für Leszniewski ca. 8 Subscrib. Sie wird aber mehr Exemplare (50 p) vervielfältigen. Werden mit Schreibmaschine auf Wachspapier gedruckt. Eine Seite 30 g? Von Kotarbninski habe sie einen reizenden Brief bekommen. Für das Mathematik-Seminar würde sie auch ein Exempl. spenden.
Kurt Gödel, Wiener Protokolle, 5.1.1938
Künstler-Café, 1., Schreyvogelgasse 5 / Ecke Ring, 1910
In diesem Kaffeehaus am Ring gegenüber der Universität sind unter anderem Treffen von Kurt Gödel und Rose Rand verbürgt. Felix Kaufmann trug hier seine philosophischen Wiener Lieder vor.
Archiv Lunzer / brandstaetter images / picturedesk.com
Seite aus den „Protokollen“ Kurt Gödels mit Notizen zu einem Treffen mit Rose Rand, 5.1.1938
Kurt Gödel hat in der Gabelsberger-Kurzschrift tausende Seiten an Notizen verfasst. Die „Protokolle“ aus den Jahren 1937 und 1938 dokumentieren mehrere Treffen mit Rose Rand, Olga Taussky sowie weiteren Mitgliedern des Wiener Kreises und Mathematikern wie Abraham Wald oder John von Neumann.
Man kann (unter Voraussetzung der Widerspruchsfreiheit der klassischen Mathematik) sogar Beispiele für Sätze (und zwar solche von der Art der Goldbachschen oder Fermatschen) angeben, die zwar inhaltlich richtig sind, aber im formalen System der klassischen Mathematik unbeweisbar sind. Fügt man daher die Negation eines solchen Satzes zu den Axiomen der klassischen Mathematik hinzu, so erhält man ein widerspruchsfreies System, in dem ein inhaltlich falscher Satz beweisbar ist.
Kurt Gödel, Erkenntnis
Ausschnitt von Rose Rands Aufsatz, „Logik der Forderungssätze“, mit Widmung an Susanne K. Langer
Dieser Aufsatz von Rose Rand zur Normenlogik wurde in der von Hans Kelsen im Exil herausgegebenen Zeitschrift publiziert. Rand widmete ein Exemplar der Philosophin Susanne K. Langer, die mit ihrer Symbolphilosophie und Kunsttheorie unter dem Einfluss von Ernst Cassirer bekannt wurde.
Wiener Kreis Gesellschaft
Kurt Gödel, „Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme I“
Die Erstveröffentlichung von Gödels später als Habilitation eingereichter Arbeit: Er zeigte, dass es in jedem hinreichend starken wider-spruchsfreien System Sätze gibt, die wahr, aber nicht beweisbar sind. Damit revolutionierte er die Mathematik und schuf wichtige Grundlagen für die Informationstechnologie bis hin zur Künstlichen Intelligenz.
Copyright: Springer Verlag
Die Zitate sind entnommen aus:
- Rudolf Carnap, Tagebücher, Band 1–2, hrsg. von Christian Damböck unter Mitarbeit von Brigitta Arden, Roman Jordan, Brigitte Parakenings und Lois M. Rendl, Hamburg, Meiner 2022
- Tim Lethen, Gespräche, Vorträge, Séancen: Kurt Gödels Wiener Protokolle 1937/38, Transkriptionen und Kommentare, Cham, Springer 2021







