Boltzmanngasse 5
Mathematisches und Philosophisches Institut der Universität Wien
Wiener Kreis Gesellschaft
Diese Adresse war in mehrfacher Hinsicht zentral für den Wiener Kreis. Hier befanden sich das Mathematische und das Philosophische Institut mit den Professuren von Hans Hahn, Karl Menger und Moritz Schlick. Kurt Gödel war als Lektor und Dozent, Friedrich Waismann als Bibliothekar beschäftigt. In einem Raum des Mathematischen Seminars fanden ab 1924 die Treffen des Wiener Kreises statt, zu denen Schlick persönlich einlud. In ihrer Diversität bildete die Gruppe in mehrfacher Hinsicht eine Besonderheit: Sie umfasste Professoren und Studierende, war multiethnisch und hatte einen – für ihre Zeit – hohen Frauenanteil.
Ebenfalls in der Boltzmanngasse organisierte Karl Menger von 1928 bis 1936 als Parallelaktion zum Schlick-Zirkel ein Mathematisches Kolloquium und drei Vortragsreihen zu den exakten Wissenschaften.
Brief von Edgar Zilsel mit Verzicht auf seine Habilitation, 3.11.1924
Trotz seiner hohen Qualifikation wurde Zilsel signalisiert, dass er als Jude und Vertreter einer antimetaphysischen Philosophie keine Chance auf Habilitation habe. Er zog deshalb seinen Antrag zurück.
Di 8 – Die ersten Übungen (Axiomatik), im mathematischen Institut. Dabei Frau Neurath. Nachmittags Besprechung mit Fräulein Rand über ihre Dissertation.
Carnap-Tagebuch, 8.5.1928
Gutachten Hans Hahns zu Kurt Gödels Habilitationsschrift „Über formal unentscheidbare Sätze der Principia Mathematica und verwandter Systeme“, 1932
Gödels Arbeit, schrieb Hahn, „ist eine wissenschaftliche Leistung ersten Ranges, die in allen Fachkreisen das größte Aufsehen erregte und – wie sich mit Sicherheit voraussehen lässt – ihren Platz in der Geschichte der Mathematik einnehmen wird“.
In den Jahren 1933/34 war die Universität für längere Zeit geschlossen. Sowohl Schlicks Zirkel als auch mein Kolloquium trafen sich jedoch regelmäßig, obwohl Schlick, Hahn und ich als einzige Mitglieder die Schlüssel zu den verlassenen Gebäuden hatten und die anderen hineinließen. Beim Eintreten hatte man das Gefühl, eine stille Oase erreicht zu haben.
Karl Menger
Ludwig Wittgenstein, Logisch-Philosophische Abhandlung
Aus: Ludwig Wittgenstein, Logisch-Philosophische Abhandlung (= Annalen der Naturphilosophie, 14. Band, 3. und 4. Heft), Leipzig, Unesma 1921, Titelblatt
Aus: Ludwig Wittgenstein, Logisch-Philosophische Abhandlung (= Annalen der Naturphilosophie, 14. Band, 3. und 4. Heft), Leipzig, Unesma 1921, Ausschnitt
Die Gruppengröße schwankte zwischen zehn und zwanzig im Lauf der Jahre. Während jedes akademischen Jahres blieb die Zusammensetzung im Wesentlichen dieselbe, mit Ausnahme der auswärtigen Gäste. […] Die Studierenden stammten etwa zu gleichen Teilen aus dem Gebiet der Mathematik und Philosophie; meist wussten sie selbst noch nicht, wo sie einzuordnen waren. […] Der Raum war mit Sesselreihen und langen Tischen angefüllt, zu einer Tafel ausgerichtet. Wenn keine Sitzung stattfand, wurde er als Lesesaal verwendet. Die ersten, die eintrafen, schoben einige Tische und Sessel von der Tafel weg, die die meisten Sprecher benutzten. In dem so gewonnenen Raum ordneten sie die Sessel in einem Halbkreis an. Ein langer Tisch wurde für jene freigehalten, die Bücher mitbrachten oder tauschen wollten oder mitschrieben. […] Die Teilnehmer standen in informellen Gruppen herum, bis Schlick in die Hände klatschte. Dann endeten die Gespräche, jeder nahm einen Platz ein, und Schlick, der üblicherweise an einem Tischende nahe bei der Tafel saß, verkündete das Thema des abendlichen Vortrages oder des Berichts oder der Diskussion.
Karl Menger
Ja, das waren die Donnerstag-Abende in der Boltzmanngasse. Es gab da neben Professoren und fertigen Doktoren vier Studenten. Eine war die Rose Rand […]. Und dann waren eben Natkin, Feigl und ich, wir waren alle noch Studenten.
Heinrich Neider
Verwaltungsstelle der Wiener Hochschulen an das Dekanat der Philosophischen Fakultät Wien – Entlassung Waismanns, 10.2.1936
Für einen analytischen Philosophen und Juden wie Friedrich Waismann gab es im Austrofaschismus keinen Platz mehr an der Universität, wo ihm Moritz Schlick wenigstens eine Stelle als Bibliothekar verschafft hatte.
