Altes Rathaus
Der Verein Ernst Mach wurde im November 1928 von Mitgliedern des Schlick-Zirkels und des Österreichischen Freidenkerbundes gegründet. Ziel war es, mit Vorträgen und Publikationen die antimetaphysische Wissenschaftliche Weltauffassung einer breiteren Öffentlichkeit zu vermitteln.
Trotz Differenzen mit Proponenten des linken Flügels übernahm Moritz Schlick aus Überzeugung den Vorsitz. Die Namensgebung schließt an Schlicks wiederholte Bezugnahme auf Ernst Mach an. Der Sitz im Alten Rathaus in der Wipplingerstraße zeigt die enge Verbindung des Wiener Kreises zu den spätaufklärerischen Strömungen zwischen Schulreform und Volksbildung im Roten Wien. Diese waren seit 1919 im Dachverein des Freien Bunds kultureller Vereine organisiert. Dazu zählten unter anderem der Allgemeine österreichische Frauenverein, der Monistenbund, die Ethische Gemeinde und die Sozialpädagogische Gesellschaft.
Wissenschaftliche Weltauffassung.Der Wiener Kreis, Verein Ernst Mach, Wien, A. Wolf 1929
Wir haben die wissenschaftliche Weltauffassung durch zwei Bestimmungen charakterisiert. Erstens ist sie empiristisch und positivistisch: es gibt nur Erfahrungserkenntnis. Zweitens ist die wissenschaftliche Weltauffassung gekennzeichnet durch die Anwendung einer bestimmten Methode, nämlich der der logischen Analyse. [...] Die wissenschaftliche Weltauffassung dient dem Leben und das Leben nimmt sie auf. […] So zeigen zum Beispiel die Bestrebungen zur Neugestaltung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse, zur Vereinigung der Menschheit, zur Erneuerung der Schule und Erziehung einen inneren Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Weltauffassung; es zeigt sich, daß diese Bestrebungen von den Mitgliedern des Kreises bejaht, mit Sympathie betrachtet, von einigen auch tatkräftig gefördert werden.
Wissenschaftliche Weltauffassung, 1929
Hans Hahn, Überflüssige Wesenheiten (Occams Rasiermesser). Vortrag, hrsg. v. Verein Ernst Mach, Band 2, Wien, A. Wolf 1930
„Occams Rasiermesser“ bezieht sich auf den mittelalterlichen Scholastiker Wilhelm von Ockham und meint höchstmögliche anti-metaphysische Einfachheit und Klarheit. Hahn formulierte eine scharfe Kritik der Metaphysik in der deutschen Transzendentalphilosophie nach Kant und der Existenzialontologie (Heidegger) als Alternative einer „weltzugewandten, diesseitsorientierten Philosophie“.
Ankündigung von Vorträgen des Vereins Ernst Mach
Aus: Wissenschaftliche Weltauffassung. Der Wiener Kreis, hrsg. vom Verein Ernst Mach, Wien, A. Wolf 1929
Von 1929 bis 1933 veranstaltete der Verein Ernst Mach etwa 50 Vorträge, die unter anderem im Alten Rathaus, in der Boltzmanngasse, im Pädagogischen Institut und der Arbeiterkammer stattfanden.
Fr 14 Abends mein Vortrag im Machverein: "Scheinprobleme in der Philosophie; von Seele und Gott" (Formulierung von Neurath). Im Mathematischen Institut. Viele Hörer, darunter viele Studenten. Ich spreche aber ganz populär. Der Vortrag gefällt gut.
Carnap-Tagebuch, 14.6.1929
Rudolf Carnap, Hans Reichenbach, Erkenntnis, Band 1–4, Leipzig, Felix Meiner Verlag 1930–1934, Band 7, Den Haag, Van Stockum & Zoon 1937/38
Diese Zeitschrift wurde ab 1930 im Auftrag des Vereins Ernst Mach und der Berliner Gesellschaft für wissenschaftliche Philosophie herausgegeben. Bis 1937 erschien sie in Deutschland, dann wegen des Nationalsozialismus in den Niederlanden. 1940 wurde ihr Erscheinen eingestellt. In der ersten Nummer proklamierte Schlick die „Wende der Philosophie“ durch die neue Logik und Sprachanalyse im Geiste Wittgensteins.
Plakat einer Versammlung des sozialistischen Wahlvereins Meidling zur Bücherverbrennung in Deutschland, mit Edgar Zilsel als Redner, 1933
Moritz Schlick protestiert gegen das Verbot des Vereins Ernst Mach, 23.3.1934
Schlicks Protest blieb erfolglos. Wie fast alle – angeblich oder tatsächlich – der Sozialdemokratie nahestehenden Vereine wurde er vom austrofaschistischem Regime aufgelöst.
Politische Unterdrückung derer, die umgestalten wollen; und auf ideologischem Gebiet anti-rationale und anti-wissenschaftliche Strömungen; […] In Deutschland Bücher verbrannt […] In Österreich nicht nur Freidenker verboten, sondern Machverein! Ergebnis: Die traditionelle Philosophie, Metaphysik und Ethik, heute keine bloß theoretischakademische Angelegenheit, sondern ein Kampfmittel.
Carnap, Vortrag Brno, 5.4.1934





