Vertreibung
Bereits zu Beginn der 1930er-Jahre verließen die ersten Mitglieder des Wiener Kreises Österreich. Wesentliche Gründe waren der starke Antisemitismus und die weitgehende Ablehnung antimetaphysischer und wissenschaftlicher Philosophie an der Universität. Im Austrofaschismus wurde die Situation für die politisch exponierten Proponent:innen unhaltbar. Mit Schlicks Ermordung im Juni 1936 endete auch dessen Zirkel nach zwölf Jahren. Der ‚Anschluss‘ im März 1938 zwang die Jüdinnen und Juden zur Flucht und isolierte die wenigen verbleibenden Mitglieder. Die starke internationale Vernetzung, die guten Kontakte vor allem in die USA und England halfen bei der erzwungenen Emigration. Auch wenn nicht wenige im Exil weiter wesentliche Beiträge zur Wissenschaft leisteten – eine Fortsetzung des Wiener Kreises gab es nicht. Es fehlte Wien mit seiner intellektuellen Kaffeehauskultur, es fehlten die Wohnungen und Salons und es fehlte das Rote Wien mit seiner umfassenden Bildungsbewegung. Nach 1945 gelang mit Verzögerung nur ein zarter Neubeginn – ohne Rückkehr der Vertriebenen.
Otto Neurath und Marie Reidemeister in den Niederlanden, um 1935
Otto Neurath war im Februar 1934 in Moskau als Berater für ein bildstatistisches Museum. Er kehrte nicht nach Wien zurück, sondern reiste über Prag nach Den Haag in die Niederlande, wo es mit dem Mundaneum bereits eine Zweigstelle des Gesellschafts- und Wirtschaftsmuseums gab. Gerd Arntz und Marie Reidemeister folgten ihm. Die Grafikerin und Illustratorin Reidemeister war eine zentrale Person im bildstatistischen Team als „Transformatorin“ zwischen Wissenschaft und Design.
Rudolf Carnap Papers, 1905-1970, ASP.1974.01, Archives of Scientific Philosophy, Archives & Special Collections, University of Pittsburgh Library System
So gesehen gehören die bedeutsamen wissenschaftlichen Richtungen, die bis nun an in Wien ein gemeinsames Ausstrahlungszentrum hatten: Psychoanalyse, die Philosophie des Wiener Kreises und die Kelsensche Rechts- und Staatslehre, wirklich zusammen und bestimmen die spezifische geistige Atmosphäre des untergegangenen Österreich ebenso wie im künstlerischen Bereich die Dichter Broch, Canetti und Musil.
Gustav Bergmann an Otto Neurath, 1938
Seiten aus Kalender mit handschriftlichen Einträgen von Otto Neurath, Dezember 1945
Brief von Karl Menger zur Niederlegung seiner ao. Professur in Wien und zur Ankündigung seiner Emigration wenige Tage nach dem ‚Anschluss‘, 23.3.1938
Studierendenverzeichnis 1938 mit Kennzeichnung von „Nichtariern“
Zeugnis der Auswanderungsabteilung der Israelitischen Kultusgemeinde für Rose Rand über einen Kochkurs, 6.1.1939
Als Jüdin und Staatenlose konnte Rose Rand im Jahr 1938 gerade noch ihr Studium mit einer ›Nichtarierpromotion‹ abschließen. Die Bescheinigung eines Kochkurses wurde im Rahmen der Auswanderung vorgeschrieben. 1939 gelang ihr die Flucht nach England.
Postkarte von Edgar Zilsel an Wilhelm Börner, 1939
Als Jude war Zilsel zur Emigration gezwungen. Über England gelangte er mit seiner Familie in die USA.
Kurt Gödel in Princeton mit Albert Einstein, 1947
Gödel war eng mit Albert Einstein befreundet. Die beiden trafen sich regelmäßig im Umfeld des Institute for Advanced Study, an dem beide arbeiteten.
WBR, HIN-230551
Kurt Gödel in Princeton mit seiner Mutter Marianne, 1964
Kurt Gödel kam nach seiner Emigration nie mehr nach Wien. Um ihn wiederzusehen, reiste seine Mutter nach Princeton.
WBR, HIN-229586
Je mehr ich über die Sprache nachdenke, desto mehr wundert es mich, dass die Menschen einander je verstehen.
Kurt Gödel
So kühl und sachlich ihr philosophisches Programm auch formuliert war – es löste in der deutschen Philosophie eine Palastrevolution aus, und die Anfeindungen nahmen in den Jahren zu, in denen diese Schule internationale Bedeutung erlangte. Als ‚logischer Positivismus‘ dominiert sie heute vor allem in den angel-sächsischer und skandinavischen Ländern, während sie in Deutschland, Frankreich und Italien kaum Fuß fassen konnte. Und in Wien selbst … 1. SPRECHER In Wien ist der Wiener Kreis tot.
Ingeborg Bachmann, Hörspiel, Der Wiener Kreis, 1953
Neubeginn in Wien
Plakat der Internationalen Hochschulwochen im Rahmen des Europäischen Forums Alpbach, 1964
Das Forum Alpbach und in Wien das Österreichische College, das Institut für Höhere Studien (IHS) und das Institut für Wissenschaft und Kunst (IWK) bemühten sich um die Einladung von österreichischen Exilanten, darunter Philipp Frank, Herbert Feigl, Rudolf Carnap und Karl Popper.
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