Wohnungen

zwei Frauen vor einem Hauseingang
Eingang zum Haus mit der Wohnung von Blanche und Moritz Schlick, 4., Prinz-Eugen-Straße 68, um 1930
Foto: unbekannt
Van de Velde-Schlick

Wohnungen als intellektuelle Treffpunkte haben in der bürgerlichen Wiener Salon-Kultur eine lange Tradition, geprägt häufig von Frauen. Daran knüpften Blanche Hardy-Schlick und Moritz Schlick an, zu deren Gästen neben Mitgliedern des Wiener Kreises auch Ludwig Wittgenstein, Karl Popper und Arthur Schnitzler zählten. Weniger formell verliefen die Treffen in den Wohnungen von Olga Hahn-Neurath und Otto Neurath. Wie in vielen anderen Punkten bildeten Schlick und Neurath auch in dieser Hinsicht die Gegenpole innerhalb des Wiener Kreises. Trotz ihrer Erblindung agierte Olga Hahn-Neurath als Gastgeberin und war aktive Teilnehmerin der häufig sehr lebhaften Debatten.

Insgesamt waren die Wohnungen für den Wiener Kreis und  seine Peripherie Treffpunkte für Gruppen unterschiedlicher Größe und Zusammensetzung. Bei Felix Kaufmann gab es Anknüpfung an liberale Kreise um Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek, bei Heinrich Gomperz an dessen eigenen Philosophie-Zirkel.

Wohnung von Blanche und Moritz Schlick, 4., Prinz-Eugen-Straße 68, um 1930
Von hier fuhr Moritz Schlick mit der heute noch existierenden Straßenbahnlinie D zu seinen Vorlesungen ins Hauptgebäude der Universität am Ring.
Blanche Schlick lebte auch nach der Ermordung ihres Mannes weiter in Wien und gab nach dem Zweiten Weltkrieg 1962 eine Auswahl seiner zahlreichen Aphorismen im Eigenverlag heraus.

Foto: unbekannt
Van de Velde-Schlick

Blanche Schlick, um 1905
Die aus Massachusetts (USA) stammende Blanche Hardy heiratete 1907 Moritz Schlick. Sie war Präsidentin der American Women Association in Wien, Gastgeberin des Salons in der Prinz-Eugen-Straße und spielte eine wichtige Rolle als Netzwerkerin.

Foto: unbekannt
Wiener Kreis Gesellschaft

Moritz Schlick, 1920er-Jahre
Schlick führte ein gutbürgerliches Leben in Wien und unternahm zahlreiche Reisen mit Urlauben im In- und Ausland, unter anderem an den Millstätter See oder an die Adria, wo er sich auch mit Wittgenstein traf.

Foto: unbekannt
Universitätsarchiv Wien, Archiv der Universität Wien, AT-UAW 106.I.1265

Adressbuch von Moritz Schlick, um 1930

Wiener Kreis Gesellschaft

Wohnung Schloßgasse 1, 5., Foto um 1950
In diesem Haus haben Olga Hahn-Neurath und Otto Neurath von 1921 bis 1930 gewohnt; danach bis 1934 im Gemeindebau Haydnhof am Gaudenzdorfer Gürtel. Die Neurath-Wohnungen zählten zu den wichtigsten Treffpunkten des Wiener Kreises. Mit ihrer ungezwungenen Atmosphäre und den oft lebhaften (auch politischen) Diskussionen bildeten sie den Gegenpol zur bürgerlich-liberalen Szene des Schlick-Salons.

Foto: unbekannt
Wiener Stadt- und Landesarchiv, Fotosammlung C 7017/1258: 5
Cover Lesebuch der Volkswirtschaftslehre Teil 1 und 2

Otto Neurath, Anna Schapire-Neurath, Lesebuch der Volkswirtschaftslehre, Leipzig, W. Klinkhardt 1910
Die Sozialwissenschafterin und Feministin Anna Schapire (1877–1911) war ab 1907 mit Otto Neurath verheiratet. Neben ihren eigenen Veröffentlichungen publizierte Schapire-Neurath gemeinsam mit ihrem Mann, dessen wissenschaftliche Arbeit sie stark beeinflusste. Sie starb bei der Geburt ihres gemeinsamen Sohnes Paul, der als Soziologe bei Paul Lazarsfeld in den USA studierte.

WBR, A-152951

Gutachten zur Dissertation von Olga Hahn, 16.2.1911
Olga Hahn-Neurath, die Schwester von Hans Hahn, schloss trotz ihrer durch eine Sehnerventzündung hervorgerufenen Erblindung das Studium der Mathematik ab. Sie war aktives Mitglied des Wiener Kreises und empfing häufig Gäste wie Rudolf Carnap oder Friedrich Waismann, die Texte vorlasen, über die anschließend diskutiert wurde.

Archiv der Universität Wien, AT-UAW PH RA 3111
eine Postkarte und ein Brief

Postkarte von Robert Musil an Otto Neurath, 5.4.1920
Musil schrieb 1908 seine Dissertation zu Ernst Mach in Berlin, wo er zum Bekanntekreis von Richard von Mises gehörte. Nach seiner Rückkehr nach Wien zeigte er Interesse an Arbeiten des Wiener Kreises. Mit dieser Postkarte bot er Otto Neurath an, ihn bei der Herausgabe seines Anti-Spengler (1921) zu unterstützen.

Paul F. Lazarsfeld Archiv, Universitätsbibliothek Wien
Olga Hahn-Neurath und Otto Neurath

Olga Hahn-Neurath und Otto Neurath

Olga Hahn-Neurath
Foto: unbekannt
Institut Wiener Kreis
Otto Neurath
Foto: unbekannt
ÖNB/Wien, Nachlass Otto und Marie Neurath, Cod. Ser. n. 32005, Beilage 6

Felix Kaufmann, Wiener Lieder zu Philosophie und Ökonomie
Kaufmann war auch in den wirtschaftsliberalen Zirkeln um Ludwig Mises und F.A. Hayek sowie im rechtstheoretischen Kelsen-Kreis tätig. Seine wissenschaftlichen Interessen verpackte er auch in Liedtexte, die er zu Melodien bekannter Wiener Lieder in seiner Wohnung in der Döblinger Hauptstraße 90 und in Kaffeehäusern vortrug.

Der Forscher und der Methodologe

Rahim Taghizadegan / Huw Rhys James, Felix Kaufmann’s Songs
Of The Mises-Kreis: Wiener Lieder zu Philosophie und Ökonomie, Wroclav 2019
Interpretin: Anna Maria Birnbauer
www.mises.at

Streit um die Priorität

Rahim Taghizadegan / Huw Rhys James, Felix Kaufmann’s Songs
Of The Mises-Kreis: Wiener Lieder zu Philosophie und Ökonomie, Wroclav 2019
Interpretin: Anna Maria Birnbauer
www.mises.at

Die reine Rechtslehre

Rahim Taghizadegan / Huw Rhys James, Felix Kaufmann’s Songs
Of The Mises-Kreis: Wiener Lieder zu Philosophie und Ökonomie, Wroclav 2019
Interpretin: Anna Maria Birnbauer
www.mises.at

Antimetaphysisches Trutzlied

Rahim Taghizadegan / Huw Rhys James, Felix Kaufmann’s Songs
Of The Mises-Kreis: Wiener Lieder zu Philosophie und Ökonomie, Wroclav 2019
Interpretin: Anna Maria Birnbauer
www.mises.at
handgeschriebene Seite

Seite aus dem Gästebuch des Hauses Ehrenhaft, 19., Grinzinger Straße 70, 1931/32
Das Gästebuch des exzentrischen Physikers Felix Ehrenhaft zeigt die lebendige Kultur sozialer und wissenschaftlicher Kommunikation in diesem Haus. Neben Hans Hahn und Philipp Frank zählten auch Albert Einstein und Niels Bohr zu den Gästen.

Wiener Kreis Gesellschaft

Felix Ehrenhaft im Labor vor einer Versuchsapparatur, 1950
Ehrenhaft war ab 1920 Ordinarius für Physik und Vorstand des III. Physikalischen Instituts der Universität Wien. Nach dem ‚Anschluss‘ der NS-Judenverfolgung ausgesetzt, wurde er von der Universität entlassen und floh über England nach Brasilien in die USA. 1947 kehrte er nach Österreich und an die Universität Wien zurück.

Foto: unbekannt
ÖNB/Wien, FO600042/18

Olga Taussky-Todd „Remembrances of Kurt Gödel“

Paul Weingartner, Leopold Schmetterer (Hg.),
Gödel Remembered, Salzburg 10-12, July 1983, Bibliopolis, Naples 1987
Wiener Kreis Gesellschaft
Copyright: Bibliopolis

Trude Waehners Atelier
Das Atelier der Künstlerin Trude Waehner in der Buchfeldgasse 6 war ein wichtiger Treffpunkt für Künstler:innen und Intellektuelle, darunter Neurath, Kaufmann und – die von ihr porträtierten – Karl Menger und Josef Frank.

Foto: WBR

Egon Schiele, Heinrich Gomperz, Univ.-Prof., Dr., Philosoph, 1918
Kreidezeichnung auf Papier
Gomperz war eng mit dem Wiener Kreis verbunden und pflegte in seiner Wohnung in der Grünbergstraße 25 seinen eigenen Zirkel mit starken personellen und inhaltlichen Überschneidungen. Er wurde 1934 von der Universität Wien entlassen, weil er die Solidaritätserklärung für das austrofaschistische Regime verweigerte. Nach Gomperz’ Emigration traf sich sein Kreis weiterhin bis zum „Anschluss“, etwa bei Edgar Zilsel.

Wien Museum, Inv.-Nr. 102021
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