Universität
Das Klima an der Universität Wien war in der Ersten Republik – mit wenigen Ausnahmen – von wachsendem Antisemitismus und einem Weltanschauungskampf gegen Liberalismus und Sozialismus gekennzeichnet. Das zeigte sich im Programm der Lehrveranstaltungen und in einer feindseligen Personalpolitik. Für den Wiener Kreis mit seiner antimetaphysischen Philosophie, liberalen bis linken Haltung, internationalen Ausrichtung und starken Präsenz jüdischer Mitglieder bildete die Universität deshalb einen prekären Ort. Neben Moritz Schlick hatten nur die Mathematiker Hans Hahn und Karl Menger eine Professur inne. Im Hauptgebäude am Ring hatte das Philosophische Dekanat seinen Sitz und Schlick hielt in den Hörsälen Vorlesungen ab. Bei seiner Ermordung am 22. Juni 1936 auf der Philosophenstiege war er auf dem Weg zur letzten Vorlesung vor den Sommerferien.
Antisemitisches Plakat der Deutschen Studentenschaft, um 1930
Neben antisemitischer Agitation durch katholisch-nationale und deutschnationale Studierende kam es an der Universität vor allem durch nationalsozialistische Studenten in den 1930er-Jahren immer wieder zu gewaltsamen Übergriffen.
Seminarraum der Paläobiologie, die „Bärenhöhle“, 1928
Ein antisemitisches Netzwerk von Professoren an der Universität Wien, benannt nach seinem Treffpunkt „Bärenhöhle“, verhinderte Habilitationen und Berufungen von jüdischen und als links geltenden Wissenschaftler:innen.
Aus: Die Universität Wien. Ihre Geschichte, ihre Institute und Einrichtungen, hrsg. vom akademischen Senat, Düsseldorf, F. Lindner, 1929
WBR, B-75129
Rektor Hans Uebersberger mit NS-Studenten auf der Uni-Rampe, 1931
Mit der Studentenordnung von Rektor Wenzel Gleispach sollten die jüdischen Studierenden an der Universität diskriminiert werden. Nach Aufhebung der Ordnung durch den Verfassungsgerichthof am 23. Juni 1931 riefen nationalsozialistische Studenten zu einem Fackelzug auf. An ihm nahmen unter anderem Gleispach und sein Nachfolger Hans Uebersberger (Bildmitte) teil.
ÖNB, H 777-B
Seite aus dem Manuskript von Moritz Schlicks Antrittsvorlesung, 1922
Schlick nahm zu Beginn seiner Antrittsvorlesung Bezug auf Ludwig Boltzmann und Ernst Mach, den geistigen Vorgängern auf seinem Lehrstuhl.
Ein Kind, von kosmischen Ängsten geplagt, eine junge Person, verstört von widersprüchlichen Theorien und Ideologien, die ihr fortwährend angeboten werden, sieht sich mit einem Schlag aus der Wirrnis befreit. Frühmorgens, im großen Hörsaal der Philosophischen Fakultät, gehen von der Figur eines wahrhaft weisen, wahrhaft guten Menschen Erhellung, Beruhigung, Zuversicht, Lebenslenkung aus. Moritz Schlick liebt und wiederholt häufig das Wort von Kant, David Hume habe ihn aus dem ‚dogmatischen Schlummer‘ erweckt. Nicht anders empfindet die Studentin, was sich mit ihr begibt.
Hilde Spiel
Dankesbrief des Wiener Kreises an Moritz Schlick nach seinem Entschluss, in Wien zu bleiben, 13.06.1929
Schlicks Position wurde prekär. Er war nicht und, soweit ich weiß, auch nie politisch aktiv. Seine politischen Ansichten lassen sich wohl am besten als die eines Liberalen britischer Prägung beschreiben. Aber das war alles andere als zufriedenstellend für die nationalistischen Professoren und Studenten ….
Karl Menger
Die Philosophenstiege im Hauptgebäude der Universität Wien am Ring, um 1890
Foto: E. Jaffé und A. Albert
Wien Museum, Inv.-Nr. 48736/53
Illustration zum Mord an Moritz Schlick
Illustration: unbekannt
WBR, F-74487
„Der Fall des Wiener Professors Schlick – eine Mahnung zur Gewissenserforschung“
Unter dem Pseudonym „Prof. Austriacus“ wies der Staatswissenschafter Johannes Sauter in einer katholischen Wochenschrift Schlick selbst die Schuld für dessen Ermordung zu. Er habe mit seiner antimetaphysischen Philosophie christlich-deutsche Werte verletzt und die studierende Jugend aufgewühlt. Eine Parallele zu Sokrates drängt sich auf.
WBR, B-72742
Wer [...] diese Epoche erlebt und Zeuge des Ereignisses am Tatort, also in Wien, war, der erinnert sich noch deutlich, wie die Ermordung Schlicks der Linken als ein die Katastrophe ankündigendes Signal erschien.
Jean Améry, 1980
Dominik Castell (R), A Private Investigation. The Case Moritz Schlick. Mit Patti Smith (A 2006)
Die amerikanische Singer-Songwriterin Patti Smith beschäftigte sich bei ihren Wien-Besuchen wiederholt mit Wittgenstein und dem Wiener Kreis. In diesem Film meditiert sie am Ort der Ermordung Moritz Schlicks.
Schnitt und Postproduktion: Carlo Pelikan






